In nur 10–15% der Fälle von chronischem Kreuzschmerz ist es möglich, eine symptombezogene Diagnose zu stellen. Da in den letzten Jahren insbesondere die Schwäche der lumbalen Extensoren als ein primärer Risikofaktor für den lumbalen Kreuzschmerz erkannt wurde, muss die Funktionsfähigkeit dieser Muskeln diagnostiziert werden. Diese ist wichtig zur Objektivierung funktioneller Defizite, zur Planung des Therapieprogrammes und zur Dokumentation der Therapieeffizienz.




Abb.8: Computerbild der in den einzelnen Positionen gemessenen Kräfte
Die normale isometrische Kraftkurve der lumbalen Extensoren ist linear abfallend von der Flexion zur Extension und beschreibt einen Bewegungsumfang von 72 Grad (Abb.9). Kreuzschmerzpatienten zeigen häufig eine eingeschränkte Beweglichkeit und eine abnorme Form der Kraftkurve. Sie kann insgesamt ein zu niedriges Kraftniveau aufweisen oder aber auch in bestimmten Messpositionen Kraftabfälle zeigen.
Beim Testen der Kraft in nur einer Position oder nur in der vollständigen Flexion oder Extension würden abnorme Kraftkurven wie der Abfall bei 36 Grad in Abb.10 nicht erkannt. Auch die Veränderung der Kurvenform durch die Therapie bleibe unerkannt. Für eine exakte Diagnostik ist es deswegen notwendig, die Kraft der lumbalen Extensoren in engmaschigen Messpositionen über den ganzen Bewegungsablauf zu testen.
Pollock et al. untersuchten an 136 gesunden Patienten die Reliabilität der isometrischen Testungen mittels der MedX - Lumbarextensionsvorrichtung und stellten in sämtlichen Winkelpositionen ein r > 0,9 fest, was für eine sehr hohe Reliabilität dieser Funktionsdiagnostik spricht.
Jeder Muskel setzt sich aus unterschiedlichen Fasertypen zusammen. Die Kenntnis dieser Zusammensetzung ist (bei ausbleibendem Therapiefortschritt) erforderlich zur Festlegung der optimalen Therapieintervalle. Da die Beziehung zwischen der Muskelfasertyp- Zusammensetzung und der Erschöpfungsreaktion gut untersucht ist, bietet sich folgendes 3-teiliges Testverfahren an:
Nach der Messung der frischen Kraft wird eine dynamische Auslastung mit einer Gewichtsbelastung von 50% der maximal gemessenen Kraft durchgeführt. Anschließend wird die Restkraft nach der momentanen Erschöpfung gemessen. Die Differenz zwischen beiden Kurven zeigt die Erschöpfungsreaktion. In Abb.11 zeigt der rote Bereich die ausgeprägte Erschöpfung eines Probanden mit einer Dominanz von fast-twitch Fasern (30% aller Probanden), der gelbe Bereich zeigt die Erschöpfung eines Probanden mit einer Dominanz von slow-twitch Fasern (10% aller Probanden). 60% aller Probanden haben einen gemischten Fasertyp.

Abb.11: Unterschiedliche Erschöpfungsreaktionen (siehe Text):
Rot: Dominanz von fast-twitch Fasern
Gelb: Dominanz von slow-twitch Fasern
Um einen optimalen Kräftigungseffekt zu erreichen, müssen Patienten mit unterschiedlicher Erschöpfungsreaktion sowohl mit unterschiedlichem Trainingsumfang als auch mit unterschiedlichen Trainings/Therapieintervallen behandelt werden.
Um die Kraft und Ausdauer der lumbalen Muskulatur verbessern zu können, ist es wichtig, die physiologischen Grundlagen und Trainingsprinzipien zu kennen. Die Aufgabe des Muskels ist es, Spannung zu produzieren. Muskelkraft ist definiert als die maximal mögliche Spannung, die ein Muskel durch Kontraktion entwickeln kann. Muskuläre Ausdauer ist definiert als die Fähigkeit eines Muskels, wiederholt Kontraktionen unter submaximaler Belastung zu leisten.
Beide Faktoren spielen eine wesentliche Rolle in der Therapie und Prävention des lumbalen Kreuzschmerzes und können verbessert werden durch ein progressives Widerstandstraining.
Der physiologische Kräftigungsprozess ist komplex und umfasst neurologische, morphologische und biochemische Anpassungserscheinungen. Muskelkraft und Ausdauertraining bewirken eine Verbesserung der Rekrutierung der motorischen Einheiten, Vergrößerung der intramuskulären Speicher von aeroben und anaeroben Metaboliten und Enzymen, der Muskelmasse, der Knochenmasse sowie eine Verdickung der Bindegewebe. Der Schlüssel zur Erzeugung muskulärer Hypertrophie ist die Spannung resp. Kraft, die ein Muskel gegen Widerstand entwickelt. Diese Spannung ist es auch, welche die Proliferation von Knochen- und Bindegewebszellen anregt.
Die Muskelfasertyp-Zusammensetzung ist ein weiterer wichtiger Faktor in der Entwicklung von Kraft und Ausdauer. Ein Muskel, der überwiegend aus Typ1- Fasern (slow-twitch) besteht, besitzt ein begrenztes Kraftpotential und eine gute Entwicklungsfähigkeit für Ausdauer.
Ein Muskel, der überwiegend aus Typ 2a- und 2b- Fasern besteht (fast-twitch), besitzt ein begrenztes Ausdauerpotential und eine gute Entwicklungsfähigkeit für Kraft. Typ 2a-Fasern scheinen sich zu adaptieren, je nachdem, wie sie trainiert werden. Auf Ausdauer oder auf Kraft. Ein Muskel, der etwa eine gleiche Zusammensetzung von Typ 1 – und Typ 2- Fasern besitzt, hat eine mittlere Entwicklungsfähigkeit sowohl für Kraft als auch für Ausdauer.
Bei einer Muskelbelastung mit geringem Widerstand werden zuletzt die Ausdauerfasern rekrutiert. Erst bei hochintensiven Belastungen werden die Kraftfasern zusätzlich rekrutiert: die größten und stärksten motorischen Einheiten zuletzt. Zur Entwicklung eines optimalen Kraftniveaus muss deswegen der Muskel mit hochintensivem Widerstand belastet werden.
In der Rehabilitation der Extremitäten werden die Kraftverhältnisse der unverletzten Gegenseite als Therapieziel betrachtet. An der Wirbelsäule ist dieser Seitenvergleich nicht möglich. Deswegen wurden an der Universität von Florida in Gainesville durch Kraftmessungen an gesunden, untrainierten Probanden alters-, geschlechts- und gewichtsspezifische Normdaten entwickelt. Funktionelles Therapieziel ist die Funktionsverbesserung der LWS (isometrische und dynamische Kraft im gesamten Bewegungsumfang, Ausdauer, Beweglichkeit). Der Patient soll eine harmonische Normkraftkurve entwickeln. Der gewünschte Kraftzuwachs wird erreicht durch dynamische Übungen, die langsam sowohl konzentrisch-dynamisch als auch exzentrisch-dynamisch ausgeführt werden mit einer maximalen isometrischen Spannungsentwicklung in voller Konzentration. Diese Trainingsmethode lässt den größten Kraftzuwachs erwarten. Der gegebene Widerstand ist durch eine Drehmomentsscheibe (Cam) variabel an die Biomechanik der LWS angepaßt und wird normalerweise von einer Therapiesitzung zur anderen um 5 % erhöht (progressives Widerstandstraining), sofern der Patient dem Therapeuten keine außergewöhnlichen Reaktionen mitteilt. Zur Entwicklung eines optimalen Kraftzuwachses ist bei 60 % der Patienten eine nur einmalige Therapiesitzung pro Woche notwendig. In der Regel genügen 12-18 Therapiesitzungen innerhalb von 2-3 Monaten, um die Wirbelsäule zu optimieren.
Es ist allgemein anerkannt, daß beim chronischen Kreuzschmerz die Kraft der gesamten Rumpfmuskulatur verbessert werden muß. Die Kraft der lumbalen Extensoren stellt das schwächste Glied in der Muskelkette dar, welche die LWS stabilisiert. Deswegen ist die Kräftigung dieser Muskeln das primäre Therapieziel. Wie bereits erwähnt, besitzen die Hilfstrageorgane der Wirbelsäule eine wesentliche Bedeutung bei der Stabilisierung der Bewegungselemente. Insbesondere die Bauchmuskulatur, die Glutealmuskulatur, die ischiocrurale Muskulatur, die seitliche Rumpfmuskulatur und auch die Brust- und Schultergürtelmuskulatur sollten im Rahmen einer medizinischen Trainingstherapie nach Gustavsen gekräftigt werden. Sie sollte mit Trainingsgeräten durchgeführt werden, welche eine Muskelisolation und einen variablen Widerstand bieten, wie z.B. die Geräte der Firma Nautilus oder die MedX-exercise-Serie.
Krankengymnastische Maßnahmen (Koordinationstraining, Dehnungsgymnastik, Haltungsschulung) können erforderlich sein, ebenso wie passive Maßnahmen zur Regeneration oder Schmerzbekämpfung bei hartnäckigen Problemfällen. Die passiven Maßnahmen sind auf das absolut notwendige Minimum zu beschränken. Sie haben mit dem eigentlichen Therapieziel- Funktionsverbesserung der Wirbelsäule- nur indirekt zu tun, indem sie gelegentlich (wie auch medikamentöse Unterstützung mit NSAR) helfen, die Therapieerstehungsfähigkeit zu gewährleisten, resp. Therapieversager zu vermeiden.